Hintergrund


Die intradisziplinäre Auseinandersetzung mit Naturgefahren bzw. Naturrisiken stellt eine wichtige Schnittstelle zwischen Physio- und Anthropogeographie dar. Die beiden Teildisziplinen, die sich in der Vergangenheit immer mehr zu eigenen Fächern innerhalb der Geographie entwickelten, können sich innerhalb der Naturgefahren- und Naturrisikoforschung, auch über einen länderkundlichen Ansatz hinaus, auf interessante Weise ergänzen. Diese Forschung stellt sich als komplexes Wissenschaftsfeld für die Naturwissenschaften, die Geisteswissenschaften, die Ingenieurswissenschaften, die Wirtschaftswissenschaften, die Rechtswissenschaften, die Medizin, sowie für die Politik und operative Organisationen dar.

Die Geographie ist gemäß ihrem Selbstverständnis als integrierende Raumwissenschaft für ein derartig komplexes, von verschiedensten Wirkungsketten beeinflusstes Wissenschaftsgebiet prädestiniert. Der Arbeitskreis Naturgefahren/Naturrisiken bemüht sich, naturwissenschaftliche, sozialwissenschaftliche und raumwissenschaftliche Betrachtungen von Naturgefahren und Naturrisiken für eine ganzheitliche und integrierte Sichtweise zu nutzen.

Das unterschiedliche Begriffsverständnis von "Naturgefahr" und "Naturrisiko" veranschaulicht die Verschiedenheit naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Zugänge. Für Naturwissenschaftler ist ein Lawinenabgang in unbewohntem Gebiet ein "Naturereignis" und wird in einem besiedeltem Gebiet zu einer "Naturgefahr". Für den naturwissenschaftlich forschenden Geographen stehen die Auseinandersetzung mit den geologischen, pedologischen, klimatologischen, hydrologischen und geomorphologischen Prozessen und deren Wirkungen auf besiedelte Gebiete beispielsweise im Falle eines Lawinenabgangs im Vordergrund. Der im akut oder potentiell betroffenen Raum lebende und wirtschaftende Mensch ist durch die Ermittlung von Eintrittsparametern oder die Installation von Frühwarnsystemen Empfänger von Ratschlägen und Verhaltensmaßregeln der Wissenschaftler.

Das vorwiegende Interesse der sozialwissenschaftlich forschenden Geographen liegt hingegen weniger in der direkten Beobachtung von Naturgefahren, als vielmehr in der Auseinandersetzung mit dem Umgang des potentiellen (oder bereits eingetretenen) "Naturrisikos" durch den Menschen. Der sozialwissenschaftlich arbeitende Geograph definiert ebenso wie sein physisch arbeitender Kollege das "Naturereignis" als nicht absichtsvoll herbeigeführten "natürlichen Prozess". Für viele Humangeographen sind "Naturgefahren" mehr oder weniger vorhersehbare Möglichkeiten des Eintritts von Schäden in Zusammenhang mit Elementarereignissen, also der Umwelt zugeschriebenen Prozessen. Die "Naturgefahr" wird dort zum "Naturrisiko", wo sich der Mensch der Naturgefahr bewusst ist und Möglichkeiten zur Schadensabwendung oder zumindest zur Schadensverminderung kennt und Entscheidungen über das Ergreifen von Maßnahmen trifft, oder eben auch nicht. Der in einem bedrohten Raum lebende und wirtschaftende Mensch sieht sich jetzt ständig dem "Risiko" ausgesetzt, dass Schäden und Verluste seinem Handeln zugeschrieben werden, weil sie bei einem anderen Umgang mit der Naturgefahr vermeidbar gewesen wären oder geringer ausfallen hätten können (wenn die betroffene Fläche angepasst oder nur extensiv genutzt worden wäre).

Wie lassen sich nun physio- und anthropogeographische Forschungsfelder sinnvoll miteinander verknüpfen?

Für die Arbeit des Arbeitskreises ergibt sich aus den beiden genannten Perspektiven der Naturgefahren- und Naturrisikoforschung, dass die Physische Geographie innerhalb des Arbeitskreises die Erforschung der Ressourcen in Natur- und Kulturlandschaft sowie die Veränderung dieser Ressourcen durch menschliche Eingriffe zum Ziel hat also die vom Menschen genutzte Natur die zu "managende Ressource" sein soll. Für die Anthropogeographie steht die Frage nach dem "Impact" der Naturgefahr in Bezug auf die Wahrnehmung, die Bewertung und das Verhalten des Menschen im Vordergrund. Der Mensch, der das Risiko in irgendeiner Form wahrnimmt, versucht es mit Entscheidungen zu beeinflussen. Innerhalb des Arbeitskreises liegt ein Ziel in der Erforschung dessen, "wie" Gesellschaften (oder: Individuen) mit Risiken umgehen und "warum" dies so geschieht.

Es stehen somit die wesentlichen Anliegen des "Ressourcenmanagements" und des "Risikomanagements" zur Debatte. Die Ergebnisse aus Forschungen über das Ressourcen- und Risikomanagement innerhalb des innerdisziplinären Rahmens des Arbeitskreises auszuwerten und die Einzelergebnisse zusammenzuführen, ist das wesentliche Ziel.

Um eine solche Zusammenführung der Ergebnisse gewährleisten zu können beschränkt sich der Arbeitskreis nicht auf einzelne Naturgefahren. Ebenso soll keine Einschränkung auf einen bestimmten Raum vorgenommen werden.



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Letzte Veränderung: 27.01.07
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